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Naturschutz: Zeit, Bilanz zu ziehen Welche Strukturen braucht die Naturschutzbewegung?

Standpunkt Wildnisschutz

Auszug aus der Festrede zum 20. Geburtstag der Gregor Louisoder Umweltstiftung, aktualisierte und ergänzte Fassung (26.11.2017)

Könnte man den Zustand der Umwelt an der Zahl der Umweltorganisationen oder deren Mitglieder ablesen, müsste die Bilanz eigentlich sehr gut aussehen – in den letzten Jahrzehnten wurden viele Initiativen neu gegründet oder konnten ihre Mitgliederzahl stark erhöhen. Auch das Spendenaufkommen im Bereich Umwelt-, Natur- und Tierschutz stieg in diesem Zeitraum sehr stark an. Dass leider ein so positiver Trend in den meisten Problemfeldern des Umwelt und Naturschutzes nicht besteht, hat mehrere Gründe. Zu einen wachsen manche Umweltprobleme schneller, als die Gesellschaft reagieren und gegensteuern kann. Dies trifft vor allem für Probleme zu, die mit Wohlstandssteigerung oder Bevölkerungswachstum verknüpft sind. Zum anderen sollte die hohe Zahl von Initiativen mit dem Wort Umwelt oder Natur im Namen nicht darüber hinwegtäuschen, dass nur wenige Einrichtungen im Hinblick auf ihre Ziele, ihre finanzielle Ausstattung und ihre Personalressourcen tatsächlich in der Lage sind, als ernsthafter Gegenspieler zu den Initiatoren und Nutznießern der Umweltzerstörung aufzutreten.

So rühmt sich die bayerische Staatsregierung in einer Festschrift, schon seit 100 Jahren „Kooperativen Naturschutz“ zu betreiben – das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht, auch wenn wohl kaum ein Leser mit diesem Begriff etwas anfangen kann. Die Zusammenarbeit von staatlichen Naturschutzeinrichtungen und privaten Verbänden wird damit als Erfolgsstory gelobt.

Viele nehmen also für sich in Anspruch, Garant für die Sicherung unseres Naturerbes zu sein und den dringendsten Umweltproblemen den Kampf anzusagen. Leider wissen wir, dass in vielen dieser Fälle der Inhalt nicht der Verpackung, spricht dem Namen, entspricht. Besonders gilt das für die vielen Verbände, die zwar das Wort Natur im Namen führen, aber hauptsächlich an deren Nutzung interessiert sind. So lange es um konfliktarme Bereiche wie allgemeine Umweltbildung oder Landschaftspflege geht, stehen viele Initiativen „Gewehr bei Fuß“ und beteiligen sich ebenso wie der Staat mehr oder weniger. Doch diese vermeintliche Geschlossenheit ist schnell vorbei, wenn wir Naturschützer uns in die Tagespolitik einmischen und auf eine ökologische Wirtschaftsweise drängen oder Alternativen zum Regierungshandeln einbringen. Denn zur Lösung vieler Probleme muss man nicht etwas tun, sondern etwas lassen – eigentlich ein attraktives Angebot der Umweltszene. 

Die Frage ist also, warum die Erfolge in der Umsetzung eher bescheiden sind. Eine Antwort könnte sein, dass zu viele Aktivitäten nicht an den oben beschriebenen Wurzeln der Umweltzerstörung ansetzen, sondern versuchen, die Symptome zu kurieren – mit mehr oder weniger Erfolg. Dazu mein Plädoyer für eine andere Beurteilung der Umweltszene – nicht die Zahl der Initiativen, das Budget oder die Mitgliederstärke sind das allein entscheidende Kriterium, sondern ihre Unabhängigkeit von Politik und Wirtschaft, von Milieus, die mit der Umweltzerstörung oft gut verdienen. Nicht die Spendeneinnahmen sind die entscheidende Bilanzzahl, sondern der Stamm an unabhängigen Persönlichkeiten, die sich auch gegen den Trend stellen und glaubwürdig und attraktiv unsere Alternativen in der Gesellschaft vertreten können. Natürlich bestehen hier Zusammenhänge zur finanziellen Leistungsfähigkeit, doch mehr Geld heißt in diesem Sinne nicht immer automatisch bessere Arbeit. 

Selig sind die Unruhestifter, denn sie erhalten uns die Heimat

"Selig sind die Unruhegeister, denn sie werden uns die Heimat erhalten". Mit diesem gewagten aber perfekt passenden Rückgriff auf die Bergpredigt würdigte Heribert Prantl – leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung – anlässlich einer Geburtstagslaudatio auf den Bund Naturschutz in Bayern die Rolle der Naturschutzbewegung. So zeigte er den großen Rahmen für die Naturschutzbewegung auf, der im zermürbenden und Nerven aufreibenden Tagesgeschäft oft vergessen wird. Der Schutz intakter Naturlandschaften -  nicht unbedingt jede Detailfrage des Alltagsumweltschutzes - ist keine Modeerscheinung oder Hobby, sondern essentieller Grundbestandteil jeder Zivilisation und ethische Verpflichtung für jeden Menschen. So sehen es auch die meisten Religionen und Wertsysteme, und so empfinden auch die allermeisten Menschen, wie Meinungsumfragen immer wieder zeigen. 

Die große Herausforderung für die Naturschutzbewegung ist also nicht unbedingt, diese Werte bei den Menschen oder in Gesetzen neu verankern zu müssen – sie sind meistens schon da. Die große Herausforderung ist es, ethisch fragwürdigen Netzwerken aus Technokraten, Profiteuren und Rattenfängern da Handwerk zu legen, die oft in offener Missachtung von demokratisch beschlossenen Naturschutzgesetzen und mit falschen Versprechungen profitable Projekte durchsetzen. 

Ziel: Kampagnenfähigkeit

Die großen Erfolge an der Donau, aber auch die Analysen der vielen Niederlagen bei ähnlichen Projekten zeigen die Herausforderungen, vor denen die Naturschutzbewegung steht, und die sicher auch eine weitere Konzentration von Budgets und Zeiteinsatz auf wirklich entscheidende Projekte nach sich ziehen wird. Ein weiterer Ausbau der als „Kampagnenfähigkeit“ bezeichneten Strukturen (siehe links) wird dabei unumgänglich sein.

Neben diesen eher organisatorischen und strukturellen Punkten darf aber der wichtigste und schwierigste Faktor nicht vergessen werden: Immer waren es einzelne Vorkämpfer, die erst die Grundlagen für die folgende „Selbstläuferbewegung“ legten und dafür Verunglimpfung, wirtschaftliche Nachteile, Karriereknicks oder Beleidigungen in Kauf genommen haben.

Claus Obermeier |  Vorstand Gregor Louisoder Umweltstiftung